Einzelnen Beitrag anzeigen
Alt 01.03.2011, 18:43   #1
wirthensohn
Administrator
 
Benutzerbild von wirthensohn
 
Registriert seit: 30.07.2003
Ort: Bingen am Rhein
Beiträge: 8.501

Mazda6 Skyactiv-G 194 (2020)
Mazda Xedos 6 2.0 V6 (1992)
E10: Mazda, die Ethanol-Beimischung und die EU-Umweltschutzlüge


CC-by-nc-nd astrablog
Wegen der allgemeinen Verunsicherung und der vielen Diskussionen über E10 versuche ich hier mal, ausführlich und so sachlich, wie es die Situation erlaubt, das ganze Thema zu beleuchten, damit jeder hier einen genauen Überblick bekommt, worum es bei der ganzen Hysterie eigentlich im Detail geht:


Sinn

Die europäische Union (EU) hat mit der Richtlinie 2009/30/EG[1] für alle EU-Mitgliedsstaaten die Einführung von Ottokraftstoff mit 10% Ethanol-Beimischung erlaubt.

Diese Richtlinie sieht vor, dass künftig Ottokraftstoff mit 10% Ethanol-Beimischung (sogenanntes E10) an Tankstellen angeboten werden können. Für Fahrzeuge, die diesen E10-Kraftstoff nicht vertragen, muss noch bis mindestens 2013 eine sogenannte Schutzsorte mit nur 5% Ethanol-Beimischung (E5) zusätzlich angeboten werden. Nach 2013 kann ggf. noch Super / Super Plus als E5 angeboten werden.

Hinter dieser Maßnahme steckt der Gedanke, sich durch die Beimischung von Ethanol aus nachwachsenden Rohstoffen unabhängiger von Rohöl-Importen zu machen und die weltweiten Erdöl-Reserven zu schonen. Außerdem wird bei der Verbrennung von Ethanol nur so viel CO2 in die Umwelt abgegeben, wie die Pflanzen, aus denen das Ethanol gewonnen wurde, zuvor für ihr Wachstum aufgenommen haben.


Unsinn

Auch wenn die EU es durchaus gut gemeint hat, ist die Sache doch nicht zu Ende gedacht. Denn leider hat sich in Brüssel niemand Gedanken gemacht, wo denn eigentlich das Ethanol in der benötigten Menge herkommen soll. Fachleute haben errechnet, dass zum Erreichen der EU-Ziele eine Anbaufläche von rund 70.000 km² nötig wäre[2][3] - die doppelte Fläche Belgiens oder immerhin 1/5 der Gesamtfläche Deutschlands.

Nicht nur vom ADAC wird E10 abgelehnt, auch bei der Partei Die Grünen, Umweltverbänden wie BUND und WWF, stößt die neue Regelung auf Kritik und Ablehnung. Grund dafür ist der mehr als zweifelhafte Nutzen für die Umwelt.

Zusätzlich konkurrieren die Anbauflächen für die nötigen Pflanzen mit denen, die für Nahrungsmittel erforderlich sind. Wenn immer mehr Anbauflächen für Treibstoffproduktion genutzt werden, stehen immer weniger Flächen für Nahrungsproduktion zur Verfügung, wird die Nahrungsversorgung gerade in Ländern der dritten Welt erschwert. Auch wird immer mehr des für das gesamte Weltklima lebenswichtigen Regenwaldes Monokulturen und Treibstoffproduktion geopfert. Solche Monokulturen und die Abholzung bzw. Brandrodung klimarelevanter Wälder und Flächen erzeugen massive CO2-Aufkommen und schädigen Umwelt und Klima nachhaltig[4].

Auch wird gerne vergessen, dass das zusätzliche Ethanol nicht nur bei der Bereitstellung der Anbauflächen, deren Bewirtschaftung, der Erzeugung des Ethanols aus den Pflanzen und nicht zuletzt durch Transporte der Rohstoffe und Endprodukte zusätzlichen CO2-Ausstoß produziert.


Potenzielle Gefahren

Laut ADAC kann E10 insbesondere bei hohem Druck und hohen Temperaturen korrosiv auf Aluminium wirken, was schon bei einmaliger Betankung mit E10 Motoren und Kraftstoffsysteme beschädigen kann[5]. Auch Dichtungen und Schläuche im Kraftstoffsystem sind gefährdet.

Der ADAC weist darauf hin, dass bereits eine einzige Betankung mit E10 zu ernsten, nachhaltigen Schäden führen kann. Hat man ein nicht für E10 geeignetes Fahrzeug irrtümlich mit E10-Kraftstoff betankt, soll man auf keinen Fall den Motor starten, sondern das Auto abschleppen und den Kraftstoff abpumpen lassen[12].

KFZ-Fachleute weisen auch darauf hin, dass Ethanol Kunststoffen die Weichmacher entziehen kann, wodurch diese brüchig und undicht werden. Dann könne es durchaus passieren, dass z.B. durch eine poröse Kraftstoffleitung Kraftstoff auf heiße Auspuffteile tropfen und sich entzünden könnten[6].


Offizielle Auskunft von Mazda

Mazda gibt ausschließlich die Modelle der Zoom-Zoom-Generation, also ab dem Mazda6 von 2002, für die Verwendung von E10-Kraftstoff frei[9].

Für alle Modelle vor der Zoom-Zoom-Generation gibt Mazda keine Freigabe und rät nachdrücklich davon ab, E10-Kraftstoff zu tanken, da dies das Kraftstoffsystem des Fahrzeugs beschädigen kann.


Energiehalt und Mehrverbrauch

Reines Ethanol (sozusagen "E100") enthält nur etwa 65% des Energiegehalts verglichen mit reinem Superbenzin. Hinzu kommt, dass die Verbrennungstemperatur bei Ethanol deutlich höher ist und die Zündeigenschaften schlechter sind als bei Benzin[7].

Dieser geringere Energiegehalt muss mit entsprechend höherem Verbrauch ausgeglichen werden. Bei E85 liegt der theoretische Mehrverbrauch bei 43%, in der Praxis wird von einem ca. 30% bis 40% höheren Verbrauch ausgegangen.

Bezogen auf E10 liegt der theoretische Mehrverbrauch aufgrund des entsprechend geringeren Energiegehalts theoretisch bei etwa 3% gegenüber dem bisherigen E5 bzw. 6% gegenüber reinem Superbenzin ohne Ethanolbeimischung.

AutoBild hat in Praxisversuchen mit einem modernen VW Golf 1.4 TSI festgestellt, dass der Mehrverbrauch bei E10 gegenüber E5 tatsächlich bei rund 5% liegt[8], während der ADAC von 1,5% bis 3% ausgeht[5].


Kosten

Mineralölkonzerne müssen das beizumischende Ethanol extern auf dem Markt zukaufen. Ein Aral-Sprecher wies darauf hin, dass Biokraftstoffe im Einkauf etwa doppelt so teuer seien wie fossile Brennstoffe[10]. Diese zusätzlichen Kosten geben die Konzerne selbstverständlich an die Kunden weiter.

Hinzu kommt, dass die Politik den Mineralölkonzernen eine jährlich steigende Mindestabsatzquote für Biokraftstoffe auferlegt hat[11], die diese erreichen müssen. In der Presse liest man in diesem Zusammenhang immer wieder den Begriff "Strafsteuern" im Falle von Nichteinhaltung der Quoten. Um die Kunden also zum Tanken von E10 zu motivieren, kostet die Schutzsorte Super E5 deutlich mehr als Super E10, teilweise genau so viel wie Super Plus.

Aufgrund des oben bereits beschriebenen Mehrverbrauchs kann es durchaus sein, dass Super Plus E5 unter Umständen sogar nicht mal teurer wäre als das neue Super E10. Hier anhand der Preise einer örtlichen Aral-Tankstelle vom 01.03.2011 und den von AutoBild ermittelten 5% Mehrverbrauch grob durchgerechnet (ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Korrektheit):

Super E10, Tankstellenpreis: 1,549 Euro
Super E10, inkl. 5% Mehrverbrauch: 1,626 Euro
Super Plus E5, Tankstellenpreis: 1,629 Euro

Theoretische Ersparnis beim Tanken von Super E10: 0,003 Euro (0,3 Cent) je Liter. Wer also offiziell nicht E10 tanken darf, muss mit Super Plus E5 zumindest keine nennenswerten Mehrkosten befürchten. An vielen Tankstellen kostet Super Plus E5 jedoch "nur" 6 Cent mehr als Super E10, nicht 8 Cent, wie an der beispielhaften Aral-Tankstelle, wodurch sich mit Super Plus E5 im Extremfall sogar kostengünstiger fahren ließe.


Gegenargumente

Viele Autofahrer fragen sich, ob E10 wirklich so gefährlich und zerstörerisch ist, wie berichtet wird. Die Frage ist berechtigt, stellt E10 doch eigentlich nur eine geringfügig höhere Ethanol-Konzentration dar, als es bei dem als unbedenklich geltenden E5 der Fall ist.

Viele User in diversen Foren betankten ihre (älteren) Autos auch versuchsweise mit E50 oder gar E85, also mit erheblich höheren Ethanol-Anteilen im Kraftstoff - zuweilen auch über längere Zeiträume. Berichte über Defekte, undichte Schläuche oder zerstörte Dichtungen aufgrund der Biosprit-Verwendung finden sich im Netz jedoch bislang nicht.

In zahlreichen Internet-Foren kursiert ein angeblicher Beitrag eines MX-5-Besitzers aus einer MX-5-Community, der selbst Chemiker sei und seinen MX-5 mit purem E85 betankt[14]. Dieser Chemiker hält der allgemeinen Hysterie entgegen, dass Ethanol gegenüber Gummidichtungen und Benzinschläuchen weniger aggressiv und gefährlich sei, als Wasser. Er versucht darzulegen, dass Ethanol ein deutlich schwächeres Lösungsmittel sei, als Wasser und auch die Säurestärke von Wasser höher sei.

Die Originalquelle dieses im Netz sehr häufig zitierten Textes ist jedoch nicht aufzufinden.

Speziell im Fall von Mazda kommt eine weitere, interessante Sache hinzu:

Mazda verweigert beispielsweise explizit auf Nachfrage auch der letzten Generation des 121 die Freigabe für E10 und weist auf die Beschädigungsgefahr hin. Der letzte 121 war jedoch exakt baugleich mit dem Ford Fiesta (JAS/JBS) und wurde auch zusammen mit dem Fiesta am gleichen Band produziert. Ford jedoch erteilt dem Fiesta eine Freigabe für E10.

Ebenso verhält es sich mit dem Mazda Tribute, der eigentlich ein Ford Maverick ist. Auch für den Maverick gibt es eine Freigabe von Ford, nicht so von Mazda für den baugleichen Tribute.

Das Gleiche auch für die Mazda-Modelle auf der GE-Plattform: Mazda 626 GE, MX-6 GE6 und Xedos 6 haben keine Freigabe, Mazda warnt eindringlich und überdeutlich vor der Verwendung von E10-Kraftstoff, da dies das Kraftstoffsystem erheblich beschädigen könne. Man muss bei dieser Aussage zur Kenntnis nehmen, dass vom Motor keine Rede ist.

Auf eben dieser Mazda-GE-Plattform, ausgestattet mit Mazda-Technik und Mazda-Motoren basiert auch der Ford Probe. Dieser jedoch hat natürlich eine E10-Freigabe von Ford erhalten.


Reaktionen

Es zeigt sich nach Einführung des E10-Kraftstoffs, dass nicht etwa nur die Autofahrer, deren Autos von den Herstellern nicht für E10 freigegeben wurden, völlig verunsichert sind und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen und was mit ihrem Auto tatsächlich bei Verwendung von E10-Kraftstoff passieren kann, sondern auch Besitzer von Fahrzeugen, die explizit für E10 freigegeben wurden. Diese Autofahrer haben Bedenken, dass E10 auch ihr Fahrzeug beschädigen könne, wenn es schon für andere Fahrzeuge so enorm gefährlich sein soll.

Geschürt wird diese allgemeine Verunsicherung dadurch, dass Aufklärung seitens Politik und der Mineralölkonzernen gar nicht statt findet, die Autohersteller nicht wirklich umfassend und klar informieren und Medien, Automobilclubs und Umweltverbände eher zusätzlich zur Verunsicherung beitragen.

Die Verunsicherung führt unmittelbar nach der Einführung von E10-Kraftstoff zu einem Umschwenken der Tankstellenkunden zum teureren Super Plus (E5). Tankstellenbetreiber und Mineralölkonzerne kämpfen mit der stark gestiegenen Nachfrage nach Super Plus und der Verweigerung von Super E10, weil Tankkapazitäten und Raffinerien auf die Nachfrage nach dem bisherigen Nischenprodukt gar nicht ausgelegt sind[13].


Fazit

Die Gefährlichkeit von E10 für gängige Autos, auch ohne Freigabe durch den Hersteller, darf angezweifelt werden. Auch, ob die allgemeine Hysterie wirklich gerechtfertigt ist.

Man kann es natürlich ohne Langzeiterfahrungen nicht gesichert behaupten und auch keine Empfehlungen geben. Jedoch gibt es begründete Zweifel, ob die geringe Erhöhung der Beimischung aus einem ungefährlichen Kraftstoff wirklich einen gefährlichen, alles zerstörenden Kraftstoff macht.

Man weiß leider nicht, wie sich E10 langfristig in Kraftstoffsystemen unserer nicht für E10 freigegebenen Autos auswirkt. Ein paar Monate mit E10, E50 oder E85 oder ein paar zehntausend Kilometer taugen jedoch noch nicht für echte Klarheit. Gesichert sind nur Erkenntnisse über die tatsächliche Aggressivität und Zerstörungskraft von E10 dort, wo es unter hohem Druck auf Übergänge unterschiedlicher Materialien trifft, wie in Hochdruckeinspritzsystemen bei Benzindirekteinspritzern. Daher dürfen nahezu alle Fahrzeuge mit Bosch-Direkteinspritzungen kein E10 tanken.

Es bringt übrigens gar nichts, zu versuchen, mit irgendwelchen Additiven oder gar mit Zweitaktöl im E10-Sprit dem Problem beizukommen.


Christian Wirthensohn, Xedos-Community, 01.03.2011


Weiterführende Links
Quellennachweise

[1] Europäische Union, Richtlinie 2009/30/EG des Europäischen Parlaments und des Rates
[2] Grüne Hannover, Regions-Grüne zu E10 : Kein Spritverbrauch ist das "wahre" Bio
[3] SWR Fernsehen, Biosprit E10 : Sinnvoll oder Preistreiber?
[4] Zeit Online, Umweltschutz: Umweltverband bescheinigt Biosprit schlechte Klimabilanz
[5] ADAC, ADAC informiert zu Bio im Sprit - Ottokraftstoff mit 10 % Bioethanolanteil
[6] ZDF Frontal21, Wirrwarr bei E10-Sprit
[7] Martin Kaltschmitt,Hans Hartmann,Hermann Hofbauer; Energie aus Biomasse: Grundlagen, Techniken und Verfahren
[8] AutoBild, 17.02.2011, Verbrauchstest E10: VW Golf 1.4 TSI - So steigt der Verbrauch mit Bio-Benzin
[9] Mazda Motors (Deutschland) GmbH, E10 Kraftstoff
[10] Aral, Neue Kostenbelastung für den Autofahrer?
[11] Agentur für erneuerbare Energien e.V., Biokraftstoffe – Daten und Fakten 2009
[12] Auto-Motor-und-Sport, Nach Fehlbetankung nicht weiterfahren
[13] Handelsblatt, 01.03.2011, Problematischer Bio-Sprit: Autofahrer verweigern E10
[14] RPM-Crew Forum, Info zum Thema E10


Geändert von wirthensohn (07.03.2011 um 12:25 Uhr) Grund: Edit aufgrund neuer Erkenntnisse
wirthensohn ist offline   Mit Zitat antworten